Unser Selbstverständnis

Verortung: wie wir die Welt sehen

Die Welt, so wie sie uns umgibt, ist eine, die wir uns zumeist anders wünschen und eine, deren Endlichkeit immer absehbarer scheint.
In dem Versuch, als Gruppe von Aktivist*innen nicht nur unsere individuelle und oft privilegierte Lebensrealität zu betrachten, sondern uns auch der Komplexität globaler und struktureller Fragen zu stellen, werden viele Missstände umso deutlicher.
Wir sehen uns in einer Welt, die auf unterschiedlichsten Ebenen von Herrschaftsverhältnissen geprägt ist. Strukturell und interindividuell, lokal und global, bewusst und unbewusst wirken ständig Gewohnheiten, Ideologien und Mechanismen, die zu großen Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Krankheit und Unmenschlichkeit führen.
Wir sehen, dass durch Konzepte wie Kapitalismus, Neoliberalismus und Neokolonialismus, sowie deren zugrundeliegenden Ideologien immer noch sexistische, rassistische, klassistische und andere konstruierte Unterschiede zwischen Menschen und Gruppen gemacht werden, die dazu beitragen die Ausbeutung von sowohl physischen als auch psychischen Ressourcen zu rechtfertigen. Dies bedroht zwangsläufig das geistige und/oder leibliche Wohl der Betroffenen.
Zudem beobachten und erleben wir, wie die soziokulturellen Umstände, in die wir geboren werden, maßgeblich mitbeeinflussen, welchen Zugang wir zu o.g. physischen, psychischen, sowie intellektuellen und anderen Ressourcen haben. Demnach sind auch die Anpassungsmöglichkeit an sich (z.B. durch Klimawandel) verändernde Lebensumstände sehr ungleich.
Da wir alle miteinander und mit dem, was uns umgibt, in stetiger Wechselwirkung stehen, ist es für uns unmöglich diesen Ist-Zustand zu ignorieren, oder gar als gegeben hinzunehmen.
Ganz konkret sehen wir, dass es zahlreiche strukturelle und systemische Ursachen für den menschengemachten Klimawandel gibt. Außerdem wird deutlich, wie dieser in vielerlei Hinsicht direkt (z.B. Verletzungen durch zunehmende Extremwetterereignisse) und indirekt (z.B. Flucht und Migration durch Verlust von Wohnraum, Ackerland etc.) physische und psychische Gesundheit von uns Menschen bedroht.
Sowohl unser Gesundheitszustand, als auch der menschengemachte Klimawandel sind damit Symptom eines kranken Systems. Wenn wir an den Ursachen arbeiten wollen und damit den Klimawandel aufhalten und für die körperliche und geistige Unversehrtheit kämpfen wollen, so braucht es einen Systemwandel.

 

Motivation: was uns antreibt

Jede*r von uns handelt als kleines Zahnrad in diesem System und trägt daher auch eine Mitverantwortung.
Ein großer Teil unserer Motivation etwas verändern zu wollen lässt sich aus dem Begriff der Solastalgie ableiten. Dieser beschreibt eine in die Zukunft gerichtete Nostalgie durch Umweltveränderungen, die existentielle oder psychische Bedrängnis auslösen. Wir beschreiben dieses Gefühl am ehesten so: „Ich weiß, dass die Welt wie ich sie bisher kannte und in der ich aufgewachsen bin, nicht mehr die sein wird, die sie ist. Das löst in mir Trauer, Wehmut oder den Wunsch aus, die Veränderungen nicht geschehen zu lassen“. Oft kommt das Bewusstsein dazu, dass die Existenz oder Gesundheit anderer Lebewesen, ganzer Ökosysteme und damit auch (geliebter) Menschen konkret bedroht ist.
Einen weiteren zentralen Pfeiler unserer Motivation macht unser Wissen aus. Das Wissen um Probleme und Dynamiken, die sich aus dem Klimawandel ergeben, um die direkten und indirekten gesundheitlichen Folgen und um Ansätze der Linderung von Leid, Trauer, Krankheit und Tod.
Für uns ergibt sich daraus eine praktische Notwendigkeit den Klimawandel auf nachhaltige und radikale Weise abzuschwächen und eine Verantwortung, sich zu engagieren. Dieses Engagement halten wir auch für notwendig, um unsere Integrität zu bewahren. Wir haben ein Bedürfnis nach (Klima)Gerechtigkeit und wollen anderen nicht “helfen”, sondern sehen unsere (Un)Freiheit mit der von anderen Betroffenen verbunden und wollen uns mit ihnen solidarisch zeigen.

Zusammenfassend erwächst unsere Motivation also aus einer „humanitären Vernunft“.
Das Wissen um systemische Zusammenhänge und Folgen des Klimawandels, die wir als Gesundheitsaktivist*innen beobachten und erfahren, zusammen mit einem ethischen Bewusstsein und einer nicht nur mitfühlenden, sondern auch selbst gefühlten Solastalgie motivieren uns dazu, aktiv zu sein und proaktiv zu handeln.
Auch ein gewisser Selbstzweck soll in diesem Selbstverständnis nicht verschwiegen werden. Die Suche nach Gleichgesinnten und das sich nun fortwährend erneuernde Gemeinschaftgefühl in der Gruppe hat uns zunächst zusammengebracht und lässt uns immer wieder zusammen kommen, um die gemeinsamen Anliegen zu verwirklichen. Das Miteinander in der Gruppe zeigt uns im Kleinen die ersten realen Möglichkeiten unserer Utopie: Ein solidarischer und bedarfsgerechter Umgang, bei dem Menschen auf sich, andere und ihre Umwelt achten.

 

Utopie : Worauf wir hinarbeiten

Wir glauben an eine revolutionäre Transformation, einen Prozess der radikalen und damit grundsätzlichen, sowie konsequenten schrittweisen Veränderung hin zu unserer Utopie. Wir arbeiten an der Realisierung der Idee eines guten Lebens für alle, gemessen an der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse auf möglichst lebensfreundliche und damit nachhaltige Art und Weise. Angelehnt an den Begriff “planetary health”, der die Abhängigkeit des Wohles der menschlichen Zivilisation vom natürlichen System, das sie umgibt, beschreibt, sehen wir die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen auf verschiedenen Ebenen. Wir brauchen eine Welt, in der durch emanzipatorische Prozesse, Kooperation, Solidarität, Handlungsfreiheit und herrschaftsfreie dezentrale kollektive Selbstbestimmung Gerechtigkeit geschaffen wird und erhalten bleibt. Wir brauchen auch eine Welt in der wir unsere Abhängigkeit und damit Unabtrennbarkeit von dem Ökosystem, das uns umgibt, verstehen und wertschätzen, sowie Möglichkeiten einer nachhaltigen Existenz finden. Nur so können wir mehr Klimagerechtigkeit und damit auch mehr “Gesundheitsgerechtigkeit” erreichen.

 

Anliegen: Woran sich unsere Arbeit orientiert

Aus diesen Ausführung darüber wie wir die Welt sehen und wie wir sie uns vorstellen wollen wir nun konkrete Anliegen formulieren, an denen sich unsere aktivistische Arbeit orientiert. Dies sind kollektive Anliegen, die wir gemeinsam entwickelt haben und die sich prozesshaft weiterentwickeln. Sie sollen stetige Begleitung unserer Arbeit sein, wodurch sie sich von “Zielen” abheben, welche irgendwann erreicht und damit als Antrieb hinfällig sein könnten.

• Konstruktivität und Nachhaltigkeit
Wir wollen durch unsere Arbeit und Aktionen konstruktiv und nachhaltig wirken und handeln. Konstruktivität bedeutet für uns, etwas schichtweise aufzubauen. Nachhaltigkeit beinhaltet für uns soziale, ökologische und ökonomische Aspekte. Sowohl das was wir tun, als auch wie wir es tun soll ressourcenorientiert und langfristig sein.
Essentiell ist, dass der gesamtgesellschaftliche Kontext und die systemische, sowie die systemkritische Perspektive erhalten bleiben.
Es ist uns wichtig, dass wir unsere Offenheit in Relation zu unseren Idealen bewahren. Neue Prozesse erzeugen neue Perspektiven und damit eine stetige Erneuerung dieser Ideale.
Die Fundamente auf die unsere Arbeit aufbaut wurden bereits von anderen Gruppen geschaffen. Es ist uns ein großes Bedürfnis diese kritisch zu analysieren und dann an den Punkten, die unser Weltbild widerspiegeln oder bereichern anzuknüpfen.

• Klimagerechtigkeit: Solidarität und Intersektionalität
Wir orientieren uns an dem Begriff der Klimagerechtigkeit und den Anliegen der Klimagerechtigkeitsbewegung.
Wir wollen gemeinsam mit direkt betroffenen Menschen arbeiten undnehmen uns vor herauszufinden, was sie brauchen und was gemeinsam getan werden muss. Dabei ist es uns wichtig uns an diesen Bedürfnissen zu orientieren und uns im Sinne der Aussage: „If you have come here to help me, you are wasting your time. But if you have come because your liberation is bound up with mine, then let us work together” zu solidarisieren. Dies bedeutet langfristig Vernetzungsarbeit bis auf globale Ebene. Damit vermeiden wir die Gefahr uns in einer kleinen Blase zu überlegen, was für andere Menschen das Beste wäre und stellen uns deutlich gegen die hierarchische Ordnung, die durch verschiedene Unterdrückungsmechanismen enstanden ist. Um diese Hierarchien aufzubrechen und zu dekonstruieren bedarf es einer intersektionalen und emanzipatorischen Auseinandersetzung.

Wir wollen uns dort, wo es notwendig, strategisch sinnvoll, oder von den Idealen naheliegend ist mit anderen Aktiven und anderen Kämpfen verbünden.

• systemische Perspektive
Als Menschen, die mit dem Gesundheitssektor verknüpft sind, möchten wir ein besonderes Augenmerk auf den Zusammenhang der individuellen Gesundheit und des Gesundheitswesens mit dem Klimawandel und dem Kampf um Klimagerechtigkeit legen.
Dabei ist es uns wichtig eine systemische und multifaktorielle Perspektive auf die Interaktionen von Klima(wandel) und Gesundheit mitzuentwickeln und uns von vereinfachenden Erklärungen zu lösen.

Durch einen solchen Blick, der eben auch und vor allem die Bedürfnisse der Betroffenen miteinbezieht wird es möglich, (frühzeitig) Bedrohungen zu erkennen, zu kommunizieren und gemeinsam Handlungsstrategien zu entwickeln oder bestehende Strategien aufzugreifen.

• gesundheitsethische Prinzipien
Wir halten es für sinnvoll gesundheitsethische Prinzipien wie z.B.: „do no harm“ oder „ informed consent“ einzubeziehen. Unser Handeln selbst soll also keinerlei Schaden anrichten und wir wollen nicht autoritär und paternalistisch handeln oder uns als allwissend darstellen. Es geht uns vielmehr darum, Bewusstsein zu schaffen und damit Menschen zum Leben einer gemeinsamen Utopie einzuladen.

Daraus ergibt sich für uns die Möglichkeit und Notwendigkeit, gezielt Menschen im Gesundheitswesen in ihrer Politisierung zu unterstützen und so mit einer wachsenden Gemeinschaft, die das Bewusstsein einer Handlungsnotwendigkeit teilt, positive Veränderungen zu gestalten.

 

Abgrenzung: wovon wir uns distanzieren

Auch wenn wir unsere Offenheit gegenüber neuen Perspektiven betonen, ist es wichtig uns von einigen zentralen Standpunkten und Ideologien abzugrenzen, um keiner Beliebigkeit zu verfallen und um unsere Integrität zu bewahren. Dies halten wir für eine Voraussetzung um klares und konsequentes Denken von Utopien und somit Zielstrebigkeit auf dem Weg zum besseren Leben für Alle zu ermöglichen.

Wir wollen uns von Strukturen und Mechanismen abgrenzen, die Herrschaftsverhältnisse reproduzieren.
Wir lehnen den sogenannten “Klimaschutz” im Sinne eines grünen Kapitalismus ab.
Wir distanzieren uns von einseitigen, sowie Machterhalt-orientierten Analysen und stehen für ein strukturelles und systemisches Verständnis ein, in dem “lokal” und “global”, sowie “konkret” und “abstrakt” keine Widersprüche darstellen, sondern als sich ergänzende und miteinandern in Verbindung stehende Ebenen erkannt werden können.

 

interne Arbeitsweise: wie wir uns organisieren und kommunizieren

In unserer Arbeitsweise sehen wir einen zentralen Mechanismus, transformatorische Prozesse zu verwirklichen. Wir empfinden uns dann als wirksam, wenn wir unsere Utopie sowohl intern als auch in der externen Kommunikation leben und vermitteln.
Intern bedeutet das für uns, in einem ständigen reflektorischen Prozess zu sein und somit Privilegien und Betroffenheiten sichtbar und damit veränderbar zu machen. Auf diese Weise wollen wir alte und neu entstehende Hürden innerhalb unserer Gruppe und im Zugang zu unserer Gruppe erkennen und abbauen.
Ein zentraler Baustein unserer internen Struktur ist die geteilte Einsicht, dass wir nicht alles leisten müssen und können. Wir wollen uns an den Ressourcen derer orientieren, die mitwirken. Um uns in dieser wichtigen Aufgabe gegenseitig zu unterstützen setzen wir Sorge (“Care”) – Strukturen ein, in denen Raum für z.B. emotionale Fürsorge geschaffen werden soll. Auch die Verrichtung anderer Sorgearbeit (putzen, kochen etc.) wird fortwährend im Sinne gerechter Verteilung reflektiert. Daraus entstehen je nach Situation verschiedene Aufgaben, die sichtbar gemacht und dann übernommen werden können.

Damit unsere Aktivitäten nicht ins Leere laufen ist es für uns wichtig diese zu evaluieren und uns an gesetzten “Meilensteinen und Checkpoints” entlangzuhangeln. Wir wollen uns selbst weiterbilden, unseren Wissenspool vergrößern und Probleme analysieren.

 

externe Arbeitsweise: wie wir strategisch vorgehen

Wir wollen strategisch vorgehen, um nachhaltigen Aktivismus zu ermöglichen und unsere Bewegung zu stärken.
Durch gesundheitspolitische Bildungs- und Informations-veranstaltungen in Form von Workshops und Vorträgen tragen wir unser Wissen weiter an Multiplikator*innen. Wir nutzen verschiedene Konzepte um diese längerfristig zu mobilisieren und niederschwellige Anknüpfungspunkte für Interessierte zu bieten. Das Wissen und Material wollen wir so transparent wie möglich zur Verfügung stellen, damit es bestenfalls selbstständig weitergetragen wird.
Weiterhin sehen wir verschiedene Formen von Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen als wirksame, legitime und notwendige Mittel unserem Anliegen Gehör zu verschaffen und Machtverhältnisse zu verschieben. Dabei ist es uns wichtig zu betonen, dass wir intern eine “Zwanglosigkeit” leben, die individuelle Entscheidung für oder gegen spezifische Aktionsformen immer ermöglicht.
Für unsere Ideale einzustehen bedeutet auch immer proaktiv zu handeln und nicht darauf zu warten, reagieren zu müssen. Nach außen wollen wir FÜR unsere Anliegen einstehen und FÜR deren Verwirklichung kämpfen. Damit sind wir ein Teil einer wachsenden Bewegung gelebter Utopie.